Der Glaube
Die Erbsünde
Was ist die Erbsünde? Der katholische Glaube einfach erklärt: der Sündenfall Adams und Evas, das Zeugnis der Heiligen Schrift und wie die Taufe uns von ihr befreit.

Kaum eine Lehre der Kirche wird so oft missverstanden wie diese – und doch ist keine für das Verständnis unseres Glaubens so grundlegend. Wer begreift, was die Erbsünde ist, versteht mit einem Schlag, warum wir einen Erlöser brauchen, warum wir getauft werden und warum das Kreuz Christi im Mittelpunkt aller Dinge steht.
Was ist die Erbsünde? Die Bedeutung einfach erklärt
Die Erbsünde ist jener Zustand der Verlorenheit, in dem jeder Mensch – Maria allein ausgenommen – geboren wird: der Verlust der heiligmachenden Gnade und der Freundschaft mit Gott, den wir von unserem Stammvater Adam ererben. Sie ist nicht eine Sünde, die wir selbst begangen haben, sondern eine Sünde, die wir erben – daher ihr Name.
Der Katechismus des heiligen Pius X. gibt die klarste Definition. Auf die Frage, was die Erbsünde sei, antwortet er: Sie ist die Sünde, in der wir alle empfangen und geboren werden, jene Sünde, die wir von Adam als dem Haupte des ganzen Menschengeschlechtes überkommen. Ihre Folgen tragen wir mit: die Verfinsterung des Verstandes, die Schwächung des Willens, die Neigung zum Bösen (die concupiscentia, die böse Begierlichkeit), das Leiden und schließlich den leiblichen Tod.
Kurz gesagt: Erbsünde bedeutet, dass wir nicht als Kinder Gottes, sondern als Kinder des Zornes zur Welt kommen (vgl. Epheser 2,3) – bis die Taufe uns neu gebiert.
Adam und Eva: der Sündenfall in der Bibel (1 Moses 3)
Woher kommt dieser Zustand? Die Heilige Schrift erzählt es im dritten Kapitel des ersten Buches Moses. Gott hatte den Menschen im Paradies in Unschuld, Gnade und Glückseligkeit gesetzt und ihm ein einziges Gebot gegeben. Die Schlange – der Teufel – verführte das Weib mit der ältesten aller Lügen:
Die Schlange aber sprach zum Weibe: Keinesweges werdet ihr sterben. Denn Gott weiß, dass, welchen Tages ihr davon esset, eure Augen sich auftun und ihr wie Götter sein werdet, Gutes und Böses erkennend. (1 Moses 3,4–5)
Der Sündenfall ist im Kern Ungehorsam und Hochmut: der Wunsch, „wie Götter" zu sein, statt Gott zu vertrauen. Adam und Eva aßen von der Frucht, und sogleich wurden ihnen die Augen aufgetan – nicht zur Herrlichkeit, sondern zur Scham. Gott spricht das gerechte Urteil: Mühsal, Schmerz und Tod treten in die Welt. „Du bist Staub und sollst zum Staube zurückkehren" (1 Moses 3,19).
Doch mitten ins Gericht setzt Gott die erste Verheißung der Erlösung, das Protoevangelium:
Ich will Feindschaft setzen zwischen dir und dem Weibe, und zwischen deiner Nachkommenschaft und ihrer Nachkommenschaft: sie wird dir den Kopf zertreten, und du wirst ihrer Ferse nachstellen. (1 Moses 3,15)
Schon hier, an der Schwelle des gefallenen Menschengeschlechtes, leuchtet Christus auf, der der Schlange den Kopf zertritt, und mit ihm die Frau, durch die er kommt.
Erbsünde in der Bibel: Römer 5,12
Dass diese eine Sünde tatsächlich auf alle übergeht, lehrt der heilige Paulus mit größter Klarheit. Er stellt Adam und Christus einander gegenüber – den einen, durch den der Tod kam, und den einen, durch den das Leben kommt:
Deshalb, gleichwie durch einen Menschen die Sünde in die Welt gekommen ist, und durch die Sünde der Tod, so ist auch der Tod auf alle Menschen übergegangen, weil in ihm alle gesündigt haben. (Römer 5,12)
Denn wie durch den Ungehorsam des einen Menschen die vielen zu Sündern geworden sind, so werden auch durch den Gehorsam des einen die vielen zu Gerechten gemacht werden. (Römer 5,19)
Das ist die ganze Heilsgeschichte in einem Satz: Was Adam verlor, gewinnt Christus, der „neue Adam", überreich zurück. Deshalb sagt Paulus, die Gnade sei noch mächtiger als die Sünde (Römer 5,15).
Augustinus und die Erbsünde
Kein Kirchenlehrer hat diese Wahrheit tiefer durchdacht als der heilige Augustinus (354–430). Gegen die Irrlehre des Pelagius, der behauptete, der Mensch könne sich aus eigener Kraft und ohne Gnade heiligen, verteidigte Augustinus die Lehre, dass wir wirklich in Sünde geboren werden und der Gnade schlechthin bedürfen. Sein Wort ist berühmt geblieben: „Unruhig ist unser Herz, bis es ruht in dir." Der Mensch, so Augustinus, ist ohne die Gnade Gottes zum Guten nicht fähig – eine Wahrheit, welche die Kirche seither festhält und die uns vor jedem Hochmut bewahrt.
Erbsünde und Taufe: die Reinigung
Hier kommt die tröstliche Antwort des Glaubens. Die Erbsünde wird getilgt – vollständig, wirklich, nicht bloß zugedeckt – durch das Sakrament der Taufe. Im Wasser der Taufe wird die heiligmachende Gnade in die Seele gegossen; der Mensch wird von neuem geboren und zum wahren Kind Gottes und Erben des Himmels gemacht. Darum eilte die Kirche stets, ihre Kinder früh zu taufen. Wer mehr darüber erfahren will, findet es in unserem Beitrag über die Taufe und über die Sakramente insgesamt entfaltet.
Zu bedenken bleibt: Die Taufe nimmt die Erbsünde und ihre Schuld hinweg, doch die Folge der Begierlichkeit – die Neigung zum Bösen – bleibt als Prüfungsfeld zurück. Gegen sie kämpfen wir ein Leben lang mit Gebet, den Sakramenten und besonders mit der heilbringenden Beichte, die uns nach dem Fall wieder aufrichtet. Wie diese Neigung zu schweren Sünden führen kann, behandeln wir bei den Todsünden; wie Gott uns durch die Gnade trägt, dort eigens.
Maria – ohne Erbsünde empfangen
Von der Erbsünde führt ein gerader Weg zu einer der schönsten Wahrheiten des Glaubens. Am Hochfest der ohne Erbsünde empfangenen Jungfrau und Gottesmutter Maria – dem Fest der Unbefleckten Empfängnis am 8. Dezember – bekennt die Kirche, dass Maria vom ersten Augenblick ihres Daseins an, durch ein besonderes Vorrecht und im Hinblick auf die Verdienste Christi, von jedem Makel der Erbsünde bewahrt geblieben ist. Sie ist die einzige unter allen Menschenkindern, die niemals in diesem Zustand war – „voll der Gnade" von Anbeginn. So grüßen wir sie im Ave Maria als die, in der das Wort des Protoevangeliums erfüllt ist: die Frau, deren Nachkommenschaft der Schlange den Kopf zertritt.
Häufig gestellte Fragen
Was ist die Erbsünde einfach erklärt?
Die Erbsünde ist der Verlust der Gnade und der Gottesfreundschaft, in dem jeder Mensch geboren wird. Sie ist keine persönliche Tat, sondern ein ererbter Zustand, der von der Sünde Adams herrührt und in der Taufe getilgt wird.
Was bedeutet Erbsünde katholisch?
Katholisch verstanden ist die Erbsünde die eine Sünde Adams, die als Zustand – nicht als eigene Schuld einer Tat – auf sein ganzes Geschlecht übergeht. Ihre Folgen sind Tod, Leiden und die Neigung zum Bösen; ihr Heilmittel ist die Erlösung durch Christus, angewandt in der Taufe.
Wo steht die Erbsünde in der Bibel?
Der Sündenfall wird im 1. Buch Moses, Kapitel 3, erzählt. Dass die Sünde auf alle übergeht, lehrt der heilige Paulus im Brief an die Römer, Kapitel 5, Vers 12 bis 19, wo er Adam und Christus einander gegenüberstellt.
Sind Babys von der Erbsünde betroffen?
Ja. Auch Neugeborene kommen mit der Erbsünde zur Welt, denn sie ist ein ererbter Zustand, keine begangene Tat. Gerade darum tauft die Kirche kleine Kinder, damit sie die heiligmachende Gnade empfangen und wahre Kinder Gottes werden.
Nimmt die Taufe die Erbsünde wirklich weg?
Ja, vollständig. Die Taufe tilgt Schuld und Strafe der Erbsünde und schenkt die heiligmachende Gnade. Zurück bleibt allein die Begierlichkeit, die Neigung zum Bösen, die uns zum geistlichen Kampf ruft, aber selbst keine Sünde ist.
War Maria von der Erbsünde betroffen?
Nein. Maria wurde durch ein einzigartiges Gnadenvorrecht im Hinblick auf die Verdienste Christi ohne jeden Makel der Erbsünde empfangen. Das bekennt die Kirche im Dogma der Unbefleckten Empfängnis.
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Quellen. Heilige Schrift nach der Allioli-Übersetzung (1 Moses 3; Römer 5,12–19; Epheser 2,3); Katechismus des heiligen Pius X.; Römischer Katechismus (Catechismus Romanus / Katechismus des Konzils von Trient), 1. Teil; hl. Augustinus, Bekenntnisse und De peccatorum meritis; Bulle Ineffabilis Deus (1854) zum Fest der Unbefleckten Empfängnis.