Die Heilige Schrift
Das Gleichnis vom verlorenen Sohn
Das Gleichnis vom verlorenen Sohn (Lukas 15,11-32) im Wortlaut der Allioli-Bibel — mit der Geschichte, der Bedeutung und der Auslegung von der Barmherzigkeit des Vaters.

Kein Gleichnis unseres Herrn hat die christliche Seele so getröstet wie das Gleichnis vom verlorenen Sohn. In wenigen Sätzen malt der heilige Lukas das ganze Herz Gottes: ein Vater, der nicht wartet, bis der reuige Sünder ihn erreicht, sondern ihm entgegenläuft. Wir geben hier zuerst die Bibelstelle im vollen Wortlaut, dann die Geschichte und ihre Bedeutung.
Der verlorene Sohn in der Bibel — Lukas 15,11-32 (Allioli)
Die Bibelstelle steht im Evangelium nach Lukas, im fünfzehnten Kapitel (Lk 15,11-32). Es ist das dritte von drei Gleichnissen der Barmherzigkeit — nach dem verlorenen Schaf und der verlorenen Drachme. Hier der Text des Gleichnisses nach der Übersetzung des Joseph Franz von Allioli:
Und er sprach: Ein Mensch hatte zwei Söhne. Und der jüngere von ihnen sprach zu dem Vater: Vater! gib mir den Anteil des Vermögens, der mir zukommt. Und er teilte unter sie das Vermögen.
Nach wenigen Tagen nun nahm der jüngere Sohn alles zusammen, zog fort in ein fernes Land, und verschwendete daselbst sein Vermögen durch ein schwelgerisches Leben. Nachdem er aber alles aufgezehrt hatte, entstand eine große Hungersnot in jenem Lande, und er fing an Mangel zu leiden. Da machte er sich auf, und verdingte sich an einen Bürger desselben Landes. Dieser schickte ihn auf sein Landgut, die Schweine zu hüten. Und er wünschte seinen Magen mit den Hülsen zu füllen, welche die Schweine fraßen; aber niemand gab sie ihm.
Da ging er in sich, und sagte: Wie viele Taglöhner im Hause meines Vaters haben Überfluss an Brot, ich aber gehe durch Hunger zu Grunde! Ich will mich aufmachen, und zu meinem Vater gehen, und zu ihm sagen: Vater! ich habe mich versündiget wider den Himmel, und vor dir; ich bin nicht mehr wert, dein Sohn zu heißen; halte mich wie einen von deinen Taglöhnern.
Und er machte sich auf, und kam zu seinem Vater. Als er aber noch weit entfernt war, sah ihn sein Vater, und ward vom Mitleide gerührt, und lief ihm entgegen, und fiel ihm um den Hals, und küsste ihn. […] Da sprach der Vater zu seinen Knechten: Geschwind bringet ihm das beste Kleid heraus, ziehet es ihm an, und gebet einen Ring an seine Hand, und Schuhe an seine Füße; bringet auch das gemästete Kalb her, und schlachtet es, so wollen wir essen und fröhlich sein: denn dieser mein Sohn war tot, und ist wieder lebendig geworden; er war verloren, und ist gefunden worden.
Die Geschichte des verlorenen Sohnes — kurz erzählt
Ein Mann hat zwei Söhne. Der jüngere fordert vorzeitig sein Erbe, verlässt das Vaterhaus und verschwendet alles in einem fernen Land. Als Hunger und Elend ihn zu den Schweinen — für einen Juden das Bild tiefster Unreinheit — hinabziehen, kommt er zur Besinnung. Die entscheidenden Worte sind: „Da ging er in sich." Er kehrt um, gesteht seine Schuld und bereitet ein demütiges Bekenntnis vor.
Die Rückkehr des verlorenen Sohnes ist der Wendepunkt der ganzen Geschichte. Der Vater sieht ihn „noch weit entfernt", läuft ihm entgegen und fällt ihm um den Hals, ehe der Sohn sein Sündenbekenntnis überhaupt vollenden kann. Das beste Kleid, der Ring, die Schuhe und das gemästete Kalb — alles wird zum Fest der Wiederaufnahme. Der ältere Bruder aber, der immer daheim geblieben ist, wird zornig und will nicht hineingehen. Auch ihm geht der Vater entgegen: „Mein Sohn! du bist immer bei mir, und alles das Meinige ist dein."
Die Bedeutung — der barmherzige Vater
Was bedeutet das Gleichnis vom verlorenen Sohn? Die klassische Auslegung, wie sie der Catechismus des Konzils von Trient und die kirchlichen Väter lehren, ist eindeutig: Der Vater ist Gott, der jüngere Sohn ist der reuige Sünder. Deshalb wird die Erzählung mit Recht auch das Gleichnis vom barmherzigen Vater genannt — nicht der verlorene Sohn steht im Mittelpunkt, sondern die grenzenlose Güte des Vaters.
Drei Wahrheiten treten hervor. Erstens: Die Sünde ist ein Weggang aus dem Vaterhaus, eine Selbstverarmung. Der Sohn glaubte, in der Ferne frei zu werden, und fand die Sklaverei. Zweitens: Die Umkehr beginnt im Herzen — „er ging in sich" — und wird zum Vorsatz und zum Bekenntnis. Genau das ist der Kern der heiligen Beichte, in der wir unsere Sünden aufrichtig bereuen und bekennen. Wer die Beichte empfängt, geht denselben Weg wie der verlorene Sohn: Reue, Bekenntnis, Vorsatz. Dieselbe Barmherzigkeit erfuhr die reuige Maria Magdalena, der viele Sünden vergeben wurden, weil sie viel geliebt hat. Drittens: Gott wartet nicht mit verschränkten Armen. Er läuft entgegen. Der Herr selbst sagt es unmittelbar vor diesem Gleichnis:
Ich sage euch: Ebenso wird auch im Himmel Freude sein über einen Sünder, der Buße tut, mehr als über neunundneunzig Gerechte, welche der Buße nicht bedürfen. (Lk 15,7)
Diese Freude des Himmels ist der eigentliche Sinn. Das gemästete Kalb, das der Vater schlachten lässt, deuten viele Ausleger auf das eucharistische Opfer und das Festmahl der heiligen Messe, zu dem der begnadigte Sünder wieder zugelassen wird. Wer das Gleichnis betend liest, wird zum Dank geführt, wie ihn das Te Deum oder das Magnificat singt: „Er nimmt sich Israels an, Seines Knechtes, eingedenk Seiner Barmherzigkeit."
Der ältere Bruder — die zweite Hälfte des Gleichnisses
Das Gleichnis endet nicht mit dem Fest. Der ältere Sohn, der nie fortgegangen ist, versteht die Freude des Vaters nicht und beklagt sich. Er steht für den Menschen, der äußerlich treu ist, aber ein hartes Herz gegen die Barmherzigkeit hat — für den Pharisäer, dessen Murren (Lk 15,2) den Anlass zum Gleichnis gab. Der Vater weist auch ihn nicht ab, sondern lädt ihn ein: „aber ein Freudenmahl musste gehalten werden, weil dieser dein Bruder tot war, und wieder lebendig geworden ist." So mahnt uns die Erzählung, selbst barmherzig zu sein und uns über die Umkehr des Nächsten aufrichtig zu freuen — eine Frucht, um die wir im Gebet für unsere Anliegen und in den Fürbitten bitten dürfen.
Der verlorene Sohn bei Rembrandt und in der Kunst
Kein Bild hat die Rückkehr des verlorenen Sohnes so bekannt gemacht wie Rembrandts Gemälde „Die Rückkehr des verlorenen Sohnes" (um 1668), heute in der Eremitage zu Sankt Petersburg. Die knienden Schultern des Sohnes, die zwei ungleichen Hände des Vaters auf seinem Rücken, das warme Dunkel ringsum — die Kunst hat hier festgehalten, was das Evangelium sagt: die Zärtlichkeit der göttlichen Barmherzigkeit. Auch als Bildergeschichte und Ausmalbild wird das Gleichnis Kindern nahegebracht; für die Kleinen eignen sich schlichte, kurze Gebete und das abendliche Kindergebet, das um Reue und Vergebung bittet.
Häufig gestellte Fragen
Was bedeutet das Gleichnis vom verlorenen Sohn?
Es zeigt die Barmherzigkeit Gottes gegenüber dem reuigen Sünder: Wer umkehrt und seine Schuld bekennt, wird vom Vater ohne Vorbehalt wieder aufgenommen. Es ist zugleich ein Bild der heiligen Beichte.
Wo steht der verlorene Sohn in der Bibel?
Die Bibelstelle ist das Evangelium nach Lukas, Kapitel 15, Verse 11 bis 32 (Lk 15,11-32). Es folgt auf die Gleichnisse vom verlorenen Schaf und von der verlorenen Drachme.
Warum heißt es auch das Gleichnis vom barmherzigen Vater?
Weil nicht die Sünde des Sohnes, sondern die überströmende Güte des Vaters die Hauptaussage ist. Der Vater läuft dem Heimkehrenden entgegen, ehe dieser sein Bekenntnis vollenden kann.
Was hat das Gleichnis mit der Beichte zu tun?
Der Weg des Sohnes — in sich gehen, umkehren, die Schuld bekennen, um Aufnahme bitten — ist genau der Weg der Reue und des Bekenntnisses im Sakrament der Beichte.
Warum ist der ältere Bruder zornig?
Er hält sich für treu, hat aber kein Herz für die Barmherzigkeit. Er steht für den Selbstgerechten, der sich über die Umkehr des Sünders nicht freuen mag. Auch ihn lädt der Vater liebevoll zum Fest ein.
Wie kann ich das Gleichnis mit Kindern lesen?
Als Geschichte in einfachen Worten, gern mit einer Bildergeschichte oder einem Ausmalbild, verbunden mit einem kurzen Abendgebet um Vergebung. So wird die Barmherzigkeit Gottes für Kinder greifbar.
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Quellen. Die Heilige Schrift des Neuen Testamentes, übersetzt von Joseph Franz von Allioli, Lukas 15,11-32 und 15,1-10; Catechismus ex decreto Concilii Tridentini (Römischer Katechismus), zum Bußsakrament; Rembrandt van Rijn, „Die Rückkehr des verlorenen Sohnes" (Eremitage, Sankt Petersburg).