Der Glaube
Die Reliquienverehrung
Was Reliquien sind, warum die Kirche sie verehrt (und nicht anbetet) und welche heiligen Reliquien es gibt: erste, zweite und dritte Klasse, das Kreuz Christi, die Heiligen Drei Könige und mehr.

Eine Reliquie ist ein Überrest eines Heiligen oder ein Gegenstand, der mit ihm in Berührung gekommen ist und den die Kirche zur Ehre Gottes bewahrt und verehrt. Das Wort stammt vom lateinischen reliquiae, "das Zurückgelassene". Gemeint sind vor allem die sterblichen Gebeine der Heiligen, aber auch ihre Kleider, Werkzeuge und alles, was ihr geweihtes Leben berührt hat. Wenn wir eine Reliquie küssen oder vor ihr niederknien, beten wir nicht das Bein oder den Stoff an: wir ehren den Heiligen, dessen Leib ein Tempel des Heiligen Geistes war, und durch ihn ehren wir Gott, der in seinen Heiligen wunderbar ist.
Was sind Reliquien? Die drei Klassen
Damit die Bedeutung klar wird, unterscheidet die Kirche seit alters her drei Arten oder "Klassen" von Reliquien:
Erste Klasse: der Leib des Heiligen selbst oder ein Teil davon — ein Knochen, ein Haar, geronnenes Blut. Auch die Werkzeuge des Martyriums (etwa das Kreuz, an dem einer starb) zählen hierher.
Zweite Klasse: ein Gegenstand, den der Heilige zu Lebzeiten besaß oder gebrauchte — sein Gewand, sein Buch, sein Rosenkranz, ein Stück seines Bettes.
Dritte Klasse: ein Gegenstand, meist ein Tuch, der eine Reliquie erster Klasse berührt hat. Solche Berührungsreliquien konnten seit jeher vermehrt werden und kamen so in fromme Hände.
Diese Ordnung ist keine Erfindung späterer Zeit. Schon die Christen der ersten Jahrhunderte sammelten nach dem Martyrium des heiligen Polykarp († um 155) seine Gebeine, die ihnen "kostbarer als Gold und Edelstein" waren, und feierten an seinem Grab die heilige Messe.
Warum verehren Katholiken Reliquien?
Hier liegt der entscheidende Unterschied, den man nie verwischen darf: Wir verehren die Reliquien, wir beten sie nicht an. Die Anbetung (latria) gebührt Gott allein. Den Heiligen und ihren Überresten gebührt die Verehrung (dulia) — dieselbe Ehre, die wir jedem heiligen Ding schulden, das Gott sich zum Werkzeug erwählt hat.
Dass Gott gerade durch die sterblichen Überreste seiner Freunde wirkt, lehrt die Heilige Schrift selbst. Das Vierte Buch der Könige (2 Kön 13,21) berichtet von den Gebeinen des Propheten Eliseus:
"Einige, die einen Mann begruben, sahen die Raubscharen und warfen den Leichnam in das Grab des Eliseus. Als dieser die Gebeine des Eliseus berührte, ward der Mann wieder lebendig und stellte sich auf seine Füße."
Und im Neuen Bund lesen wir von den Berührungsreliquien des heiligen Paulus (Apg 19,11–12):
"Auch wirkte Gott nicht geringe Wunder durch die Hand des Paulus, so dass man auch auf die Kranken von seinem Leibe weg Schweißtücher und Gürtel legte, und es wichen die Krankheiten von ihnen, und die bösen Geister fuhren aus."
Ein Tuch, das den Apostel berührt hatte, heilte Kranke: das ist eine Reliquie zweiter und dritter Klasse, mitten in der Apostelgeschichte. Nicht der Stoff hat Kraft, sondern Gott, der die Treue seines Dieners ehrt.
Ein ernstes Wort gegen den Aberglauben. Eine Reliquie ist kein Amulett, kein Glücksbringer, kein magischer Automat. Sie zwingt Gott zu nichts. Wer einen Splitter Holz oder einen Knochen wie einen Talisman behandelt, verfehlt den Sinn völlig und stürzt in Aberglauben. Die Reliquie soll unseren Glauben und unser Vertrauen wecken, uns an den Heiligen und sein Beispiel erinnern und uns zum Gebet an Gott führen — mehr will sie nicht, und mehr braucht sie nicht.
Reliquien im Altar
Wer sich fragt, warum in jedem geweihten Altar Reliquien eingelassen sind, findet die Antwort in den ältesten Zeiten. Die Christen der Verfolgung feierten die heilige Messe auf den Gräbern der Märtyrer in den Katakomben. Daraus wurde ein Grundsatz: Auf dem Leib des Zeugen, der für Christus starb, wird das eucharistische Opfer dargebracht. Die Apokalypse zeigt dasselbe Bild im Himmel — "die Seelen derjenigen, die um des Wortes Gottes willen … getötet wurden", unter dem Altar (Apok 6,9).
Darum ist in den Altarstein (das Sepulcrum) jedes rechtmäßig geweihten Altars mindestens eine Reliquie eines Märtyrers eingeschlossen. So ruht das Opfer des neuen Bundes, die heilige Eucharistie, buchstäblich auf dem Zeugnis der Heiligen.
Die Reliquien des Kreuzes und der Passion
Die kostbarsten aller Reliquien sind jene, die den Herrn selbst berührt haben. Nach der Überlieferung fand die heilige Helena um 326 in Jerusalem das Kreuz Christi; ein Reliquienkreuz oder Kreuzreliquiar bewahrt bis heute die Splitter des heiligen Holzes. In der römischen Basilika Santa Croce in Gerusalemme werden Partikel des Kreuzes, ein Nagel und die Titelschrift verehrt.
Zu den Passionsreliquien gehören ferner die Dornenkrone (in Paris), die Nägel, die Lanze und die Heilig-Blut-Reliquien, die an vielen Orten (etwa in Brügge oder Weingarten) bewahrt werden. Am ehrwürdigen Turiner Grabtuch hat die Kirche nie den Glauben vorgeschrieben — es bleibt der Frömmigkeit anheimgestellt —, doch es lädt seit Jahrhunderten zur Betrachtung des Leidens Christi ein. Wer diese Reliquien betrachtet, betet in Wahrheit den Kreuzweg und wird an den Karfreitag geführt, an dem der Herr für uns starb.
Heilige Reliquien und die großen Wallfahrtsorte
Über die ganze Christenheit verstreut liegen die Gebeine der Heiligen, und zu ihnen zieht das gläubige Volk seit jeher in Wallfahrt. Einige der berühmtesten:
- Kölner Dom — die Heiligen Drei Könige. Der prächtige Dreikönigenschrein, das größte Reliquiar des Abendlandes, birgt die Gebeine der Weisen aus dem Morgenland. Mehr über sie im Beitrag zu den Heiligen Drei Königen. Wenige Minuten entfernt bewahrt die Kirche St. Ursula in ihrer Goldenen Kammer die Gebeine, die man der heiligen Ursula und ihren Gefährtinnen zuschreibt.
- Santiago de Compostela. Hier ruhen der Überlieferung nach die Reliquien des Apostels Jakobus des Älteren. Der Jakobsweg dorthin ist bis heute eine der großen Pilgerstraßen Europas.
- Maria Magdalena. Reliquien der heiligen Maria Magdalena werden in der Provence, besonders in Vézelay und Saint-Maximin, verehrt.
- Franz von Assisi ruht in der Basilika zu Assisi; die Lateranbasilika in Rom, die "Mutter aller Kirchen", bewahrt zahlreiche Reliquien, darunter die Häupter der Apostelfürsten Petrus und Paulus.
Ein Wort zur Ehrlichkeit gehört dazu: Nicht jeder moderne Reliquienkult trägt die Prüfung der Jahrhunderte. Der junge Carlo Acutis etwa (gestorben 2006) wurde erst in unseren Tagen zur Ehre der Altäre erhoben; seine Reliquien — darunter eine in Assisi aufbewahrte Herzreliquie — werden verehrt, doch gehören sie in die Gegenwart und nicht zum alten, gewachsenen Bestand der Kirche.
Der Reliquienschrein: Behälter für Reliquien
Der eigene Behälter für eine Reliquie heißt Reliquiar oder Reliquienschrein. Er kann ein schlichtes Kästchen sein, ein kostbar gearbeiteter goldener Schrein wie in Köln, ein Kreuzreliquiar, das einen Kreuzpartikel zeigt, oder eine Monstranz-ähnliche Fassung (Ostensorium), durch deren Glas man die Reliquie sieht. So kostbar der Schrein auch sein mag — die Kunst dient allein dazu, das Heilige würdig zu bergen und den Blick des Betenden zu Gott zu heben, der in seinen Heiligen verherrlicht wird.
Sind Reliquien echt?
Diese Frage ist berechtigt, und die Kirche stellt sie selbst. Im Mittelalter blühte leider ein Handel, und mancher Splitter und mancher Knochen ist zweifelhaft. Darum verlangt das kirchliche Recht seit langem, dass jede zur öffentlichen Verehrung ausgesetzte Reliquie durch ein amtliches Echtheitszeugnis (authentica) und ein Siegel beglaubigt sein muss. Ist die Echtheit einer alten Reliquie nicht zu sichern, so gilt ein weiser Grundsatz: Die Verehrung richtet sich ohnehin nicht an das Material, sondern an den Heiligen und an Gott — und Gott lässt keinen frommen Glauben ins Leere fallen. Wer im rechten Geist vor einer Reliquie betet, betet niemals vergeblich.
Häufig gestellte Fragen
Was ist eine Reliquie?
Eine Reliquie ist ein Überrest eines Heiligen (Gebein, Blut, Haar) oder ein Gegenstand, der ihn berührt hat. Die Kirche bewahrt sie in Ehren, weil der Leib des Heiligen ein Tempel des Heiligen Geistes war.
Was bedeuten erste, zweite und dritte Klasse?
Erste Klasse ist der Leib des Heiligen selbst (oder ein Teil davon); zweite Klasse ein Gegenstand, den er gebrauchte; dritte Klasse ein Ding, das eine Reliquie erster Klasse berührt hat.
Beten Katholiken Reliquien an?
Nein. Angebetet wird Gott allein. Reliquien werden verehrt, das heißt geehrt — ähnlich, wie man das Grab oder die Hinterlassenschaft eines geliebten Menschen in Ehren hält, nur um Gottes willen.
Warum sind in jedem Altar Reliquien?
Weil die frühe Kirche die Messe auf den Gräbern der Märtyrer feierte. Bis heute wird in den Altarstein eines geweihten Altars die Reliquie eines Märtyrers eingeschlossen.
Gibt es Reliquien Jesu?
Reliquien des Leibes Christi im eigentlichen Sinn gibt es nicht, da der Herr mit Leib und Seele in den Himmel aufgefahren ist. Verehrt werden aber Reliquien der Passion: das Kreuz, die Dornenkrone, die Nägel und das Heilige Blut.
Sind alle Reliquien echt?
Nicht alle lassen sich zweifelsfrei beglaubigen. Neue Reliquien brauchen ein amtliches Echtheitszeugnis. Bei alten, ungewissen Stücken gilt: Die Verehrung gilt Gott und dem Heiligen, nicht dem Material, und bleibt darum immer fruchtbar.
Iter Fidei begleitet Sie durch das Kirchenjahr mit den Festen der Heiligen, ihren Litaneien und Gebeten — damit die Verehrung der Heiligen und ihrer Reliquien Sie immer tiefer zu Gott führt. Hier frühen Zugang sichern.
Quellen. Heilige Schrift nach der Allioli-Übersetzung (2 Kön 13,20–21; Apg 19,11–12; Apok 6,9); Martyrium des heiligen Polykarp (2. Jahrhundert); Katechismus des Konzils von Trient; Überlieferung zur Kreuzauffindung durch die heilige Helena.