Der Glaube
Das Turiner Grabtuch
Was ist das Turiner Grabtuch, was zeigt das geheimnisvolle Bild, und ist es echt? Geschichte, Wissenschaft und geistliche Bedeutung des berühmtesten Leintuchs der Christenheit.

Was ist das Turiner Grabtuch?
Das Turiner Grabtuch ist ein etwa 4,4 Meter langes und 1,1 Meter breites Leinentuch, das in der Kathedrale des heiligen Johannes des Täufers in Turin aufbewahrt wird. Auf diesem Tuch zeichnet sich, blass und wie eingebrannt, das Ganzkörperbild eines gekreuzigten Mannes ab - Vorder- und Rückseite, Kopf an Kopf, so als hätte man einen Leichnam auf die eine Tuchhälfte gelegt und die andere über ihn geschlagen. Der Überlieferung nach handelt es sich um das Grabtuch Jesu, jenes Leinen, in das der Herr nach seiner Kreuzigung gehüllt wurde.
Der Mann auf dem Tuch trägt alle Spuren des Leidens Christi, wie es uns die Evangelien schildern: Wunden von einer Dornenkrone am ganzen Kopf, Striemen einer Geißelung über den Rücken, eine Seitenwunde, durchbohrte Handgelenke und Füße. Wer das Bild betrachtet, sieht gleichsam ein stummes fünftes Evangelium der Passion vor sich - Grund genug, warum das Grabtuch seit Jahrhunderten unzählige Gläubige zur Betrachtung des Kreuzes bewegt, wie sie auch der Kreuzweg und die stille Andacht des Karfreitags pflegen.
Das Bild auf dem Grabtuch
Das eigentliche Rätsel ist die Beschaffenheit des Bildes. Für das bloße Auge wirkt es aus der Nähe fast unsichtbar und wird erst aus einigen Metern Entfernung deutlich. Seine wahre Natur trat 1898 zutage, als der Fotograf Secondo Pia die erste Aufnahme machte: Auf dem fotografischen Negativ erschien plötzlich ein klares, positives Gesicht mit erschütternder Würde. Das Bild auf dem Grabtuch ist also selbst wie ein Negativ - eine Eigenschaft, die kein mittelalterlicher Maler kannte oder hätte erzeugen wollen.
Spätere Untersuchungen fügten weitere Rätsel hinzu. 1976 fand man mit einem Bildanalysegerät der Raumfahrt heraus, dass die Helligkeit des Bildes räumliche, dreidimensionale Informationen enthält - daraus lassen sich die bekannten 3D-Rekonstruktionen des Gesichts errechnen. Die dunklen Flecken auf dem Tuch wurden als echtes Blut der Blutgruppe AB bestimmt. Die Verfärbung selbst liegt nur in den obersten Fasern des Leinens, ohne dass Farbpigmente eingedrungen wären. Bis heute konnte niemand das Bild mit den Mitteln des 14. Jahrhunderts überzeugend nachbilden.
Turiner Grabtuch: die Geschichte
Sicher bezeugt ist das Grabtuch seit der Mitte des 14. Jahrhunderts. Um 1354 befand es sich im Besitz des französischen Ritters Geoffroi de Charny in Lirey; die ersten öffentlichen Zeigungen fanden dort um 1357 statt. 1453 ging das Tuch an das Haus Savoyen über. In Chambéry wurde es 1532 bei einem Kapellenbrand beschädigt - geschmolzenes Silber des Reliquiars hinterließ jene symmetrischen Brandlöcher, die bis heute auf dem Tuch zu sehen sind. 1578 brachten die Herzöge von Savoyen das Grabtuch nach Turin, wo es seither ruht. Erst 1983 fiel es an den Heiligen Stuhl.
Über die Zeit vor dem 14. Jahrhundert schweigen die sicheren Urkunden. Manche Forscher wollen das Tuch mit älteren Bildern und Reliquien in Verbindung bringen, doch bleibt diese Frühgeschichte umstritten. Über das Wesen und den Wert von Reliquien in der katholischen Frömmigkeit haben wir an anderer Stelle ausführlich geschrieben.
Ist das Turiner Grabtuch echt?
Das ist die meistgestellte Frage - und die ehrliche Antwort lautet: Die Kirche hat die Echtheit nie verbindlich festgestellt. Das Grabtuch ist kein Glaubenssatz. Es wird als ehrwürdiges Bildnis (eine Ikone) verehrt, das zur Betrachtung des Leidens und Sterbens des Herrn einlädt - nicht mehr, aber auch nicht weniger. Ob das Leinen tatsächlich den Leib des Herrn berührt hat, überlässt die Kirche der Forschung und dem frommen Urteil des Einzelnen.
Die wissenschaftliche Debatte ist bis heute nicht entschieden. 1988 untersuchten drei Labore je eine Gewebeprobe mit der Radiokohlenstoff-Methode (C14) und datierten das Tuch auf die Zeit zwischen 1260 und 1390 - also ins Mittelalter. Für viele schien die Frage damit erledigt.
Doch gegen dieses Ergebnis wurden gewichtige Einwände erhoben, die man redlicherweise nennen muss. Die Probe stammte aus einer einzigen Ecke am Rand des Tuches, also gerade aus jenem Bereich, der über Jahrhunderte am meisten angefasst, geflickt und dem Brand von 1532 ausgesetzt war. Der Chemiker Raymond Rogers wies 2005 nach, dass die untersuchte Ecke chemisch anders zusammengesetzt ist als das Haupttuch - er vermutete eine mittelalterliche Ausbesserung mit eingewebter Baumwolle, die eine junge Datierung vortäuschen könnte. Auch Verunreinigungen und die Hitzeeinwirkung des Brandes können das C14-Ergebnis verfälscht haben. Neuere Röntgenuntersuchungen des Leinens deuten in eine sehr viel ältere Richtung. Kurz: Das Bild selbst hat die Wissenschaft bis heute nicht erklärt, und die C14-Datierung gilt nicht mehr als das letzte Wort.
Wir Katholiken brauchen für unseren Glauben kein Tuch als Beweis. Der Herr ist wahrhaft gestorben und wahrhaft auferstanden, ob das Turiner Leinen echt ist oder nicht - dieses Bekenntnis ruht auf dem Zeugnis der Apostel, das wir im Glaubensbekenntnis sprechen, und findet seine Erfüllung an Ostern. Das Grabtuch ist Anlass zur Andacht, nicht Fundament des Glaubens.
Turiner Grabtuch: neueste Forschung und Erkenntnisse
Auch die neueste Forschung hat das Rätsel nicht abschließend geklärt. Die dunklen Flecken wurden als menschliches Blut der Blutgruppe AB bestimmt; Versuche einer DNA-Untersuchung des Grabtuchs ergaben jedoch nur stark abgebautes, uneinheitliches Erbgut aus vielen Jahrhunderten der Berührung, sodass sich daraus kein sicheres Ergebnis über den Mann auf dem Tuch gewinnen lässt. Als neueste Erkenntnis gelten Röntgenmessungen von 2022, die auf ein weit höheres Alter des Leinens deuten als die C14-Probe. Seriöse Forscher mahnen zur Vorsicht: Keine dieser Messungen ist ein Echtheitsbeweis, und keine widerlegt den Glauben.
Das Grabtuch Jesu und das Zeugnis der Evangelien
Was auch immer die Forschung ergibt: Das Grabtuch führt uns zu einer bezeugten Wahrheit des Evangeliums zurück - der Grablegung des Herrn. Der heilige Johannes berichtet, wie Joseph von Arimathäa den Leichnam von Pontius Pilatus erbat:
Hierauf aber bat Joseph von Arimathäa (weil er ein Jünger Jesu war, jedoch aus Furcht vor den Juden ein heimlicher) den Pilatus, dass er den Leichnam Jesu abnehmen dürfte. Und Pilatus erlaubte es. Er kam also, und nahm den Leichnam Jesu ab. Es kam aber auch Nikodemus, welcher vormals bei Nacht zu Jesus gekommen war, und brachte eine Mischung von Myrrhe und Aloe, gegen hundert Pfund. Da nahmen sie den Leichnam Jesu, und wickelten ihn samt den Spezereien in leinene Tücher ein, wie es die Sitte der Juden beim Begraben ist. (Johannes 19,38-40)
Und der heilige Matthäus fügt hinzu, dass Joseph den Leib „in reine Leinwand" wickelte und „in sein neues Grab" legte (Matthäus 27,59-60). Nach der Auferstehung sah der heilige Petrus im leeren Grab nur noch „die Leintücher besonders liegen" (Lukas 24,12). Das Turiner Grabtuch, ob echt oder nicht, ist ein Bild dieser leinenen Tücher - und lädt uns ein, das erschütternde Werk unserer Erlösung zu betrachten.
Wo ist das Grabtuch, und kann man es besichtigen?
Das Grabtuch wird in der Kathedrale von Turin in Norditalien aufbewahrt, flach ausgestreckt in einem eigens gebauten, klimatisierten Schrein. Im gewöhnlichen Kirchenjahr ist es nicht öffentlich zu sehen. Nur zu besonderen, seltenen Anlässen wird es zur Verehrung ausgestellt - solche öffentlichen Zeigungen oder Ausstellungen nennt man Ostensionen. In der Vergangenheit fanden sie etwa in den Jahren 1998, 2000, 2010 und 2015 statt. Zum Heiligen Jahr 2025 ist erneut mit einer Zeigung zu rechnen; wer eine Besichtigung plant, erkundigt sich am besten rechtzeitig beim Erzbistum Turin nach den offiziellen Terminen und der Anmeldung, da diese von Fall zu Fall neu geregelt werden.
Häufig gestellte Fragen
Was ist das Turiner Grabtuch?
Es ist ein etwa 4,4 mal 1,1 Meter großes Leinentuch, das in Turin aufbewahrt wird und das blasse Ganzkörperbild eines gekreuzigten Mannes trägt. Der Überlieferung nach ist es das Grabtuch, in das der Leib Jesu nach der Kreuzigung gehüllt wurde.
Ist das Turiner Grabtuch echt?
Die Kirche hat das nicht verbindlich entschieden; das Grabtuch ist kein Glaubensgegenstand, sondern ein verehrtes Bildnis. Die C14-Datierung von 1988 ergab das Mittelalter, doch schwere wissenschaftliche Einwände (verfälschte Randprobe, spätere Ausbesserung, Brandschäden) haben dieses Ergebnis erschüttert. Das Bild selbst ist bis heute ungeklärt.
Was zeigt das Bild auf dem Grabtuch?
Es zeigt Vorder- und Rückseite eines Mannes mit den Wunden der Passion: Dornenkrone, Geißelung, Seitenwunde sowie durchbohrte Handgelenke und Füße. Auf einem fotografischen Negativ erscheint das Gesicht überraschend klar und positiv.
Warum spricht man von einer 3D-Darstellung des Grabtuchs?
Weil die Helligkeitswerte des Bildes räumliche Informationen enthalten: Je näher der Körper dem Tuch war, desto stärker die Verfärbung. Daraus lassen sich dreidimensionale Rekonstruktionen des Gesichts und Körpers berechnen.
Wo befindet sich das Grabtuch von Turin?
In der Kathedrale des heiligen Johannes des Täufers in Turin, Italien. Es ist nur bei seltenen öffentlichen Ostensionen zu sehen, zuletzt geplant für das Heilige Jahr 2025.
Muss ich als Katholik an die Echtheit des Grabtuchs glauben?
Nein. Der Glaube ruht auf dem Zeugnis der Apostel von Kreuz und Auferstehung, nicht auf einer Reliquie. Das Grabtuch ist eine fromme Hilfe zur Betrachtung des Leidens Christi - ein Geschenk, kein Beweis, und niemals ein Talisman.
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Quellen. Allioli-Bibel (Johannes 19,38-40; Matthäus 27,59-60; Lukas 24,12); STURP-Untersuchungen 1978; Radiokohlenstoff-Datierung 1988 (Nature); R. N. Rogers, „Studies on the Radiocarbon Sample from the Shroud of Turin" (2005); Geschichte der Ostensionen des Erzbistums Turin.