Die Heiligen
Die heilige Hildegard von Bingen
Wer war Hildegard von Bingen? Benediktinerin, Mystikerin und Kirchenlehrerin. Ihr Leben, ihre Visionen, ihre Werke und Zitate – die Heilige hinter dem Namen.

Ihr Name ziert heute Teemischungen, Gewürze und Kochbücher. Doch die heilige Hildegard von Bingen war weder eine Marke noch eine Wellness-Ikone. Sie war eine Benediktinerin, eine Äbtissin, eine Prophetin und Mystikerin des 12. Jahrhunderts – eine Frau, die von sich selbst sagte, sie sei nichts als ein Werkzeug in Gottes Hand:
Der Mensch ist eine Feder auf dem Atem Gottes.
So beschrieb Hildegard ihr eigenes Leben. Nicht ihre Klugheit, sondern der Hauch Gottes trage sie – wie eine Feder im Wind. In diesem Beitrag begegnen wir der Heiligen hinter dem Namen: ihrem Leben, ihren Visionen, ihren Werken und ihrem Glauben.
Wer war Hildegard von Bingen? Ein Steckbrief
Hildegard wurde 1098 in Bermersheim bei Alzey in Rheinhessen geboren, als zehntes Kind einer adeligen Familie. Nach altem Brauch weihten ihre Eltern das jüngste Kind Gott – Hildegard wurde als „Zehnter" dem Herrn übergeben. Eine besondere Todesursache ist nicht überliefert – sie starb hochbetagt am 17. September 1179 im Kloster Rupertsberg bei Bingen, im Alter von einundachtzig Jahren.
Hier das Wichtigste im Überblick:
Steckbrief:
- Geboren: 1098 in Bermersheim (Rheinhessen)
- Gestorben: 17. September 1179 auf dem Rupertsberg bei Bingen
- Alter: 81 Jahre
- Stand: Benediktinerin, Äbtissin (Magistra)
- Klöster: Disibodenberg, dann Rupertsberg und Eibingen
- Bekannt als: Mystikerin, „Sibylle vom Rhein", Kirchenlehrerin
- Gedenktag: 17. September
Wann lebte Hildegard von Bingen? Ganz im Mittelalter des 12. Jahrhunderts – zur Zeit der großen Klosterreformen und der Kreuzzüge, eine Zeitgenossin des heiligen Bernhard von Clairvaux und des Kaisers Friedrich Barbarossa, mit denen sie in Briefwechsel stand.
Von Disibodenberg zum Kloster Rupertsberg
Mit etwa acht Jahren wurde Hildegard der frommen Klausnerin Jutta von Sponheim anvertraut, die beim Benediktinerkloster Disibodenberg in Klausur lebte. Dort wuchs Hildegard heran, legte die Ordensgelübde ab und lebte nach der Regel des heiligen Benedikt – „ora et labora", bete und arbeite. Als Jutta 1136 starb, wählten die Schwestern Hildegard zu ihrer Leiterin.
Um 1150 verließ Hildegard mit ihren Nonnen den Disibodenberg und gründete gegen manchen Widerstand ein eigenes Kloster auf dem Rupertsberg bei Bingen am Rhein. Später kam eine Tochtergründung im nahen Eibingen hinzu. Von hier aus unternahm Hildegard – höchst ungewöhnlich für eine Frau ihrer Zeit – vier große Predigtreisen und sprach öffentlich in Trier, Köln und anderen Städten zur Umkehr auf. Wer heute ihren Spuren als Pilger folgt, wandert auf dem Hildegard-Pilgerweg zwischen Disibodenberg und Bingen; solche Wallfahrten zu heiligen Orten gehören seit jeher zum katholischen Glaubensleben.
Die Visionen: „Wisse die Wege des Herrn"
Von Kindheit an sah Hildegard, was andere nicht sahen. Sie nannte es das „lebendige Licht" (lux vivens) – kein Traum und keine Ekstase, sondern ein waches, inneres Schauen bei vollem Verstand. Lange schwieg sie darüber. Erst um das Jahr 1141, im Alter von zweiundvierzig Jahren, empfing sie den inneren Auftrag, ihre Visionen aufzuschreiben. Sie selbst beschrieb den Augenblick:
Es geschah, dass ein feuriges Licht von blitzendem Glanz vom offenen Himmel herabkam und mein ganzes Gehirn durchströmte und mein ganzes Herz und meine ganze Brust wie eine Flamme entzündete.
So entstand ihr Hauptwerk Scivias – zusammengezogen aus „Sci vias Domini", „Wisse die Wege des Herrn". Weil man zu Recht vorsichtig war gegenüber allem, was sich für Offenbarung ausgibt, wurden Hildegards Schriften geprüft: Papst Eugen III. ließ sich auf der Synode von Trier (1147/48) aus Scivias vorlesen und erkannte, gestützt auf das Urteil Bernhards von Clairvaux, die Echtheit ihrer Gnade an. Ihre Visionen kreisten immer um Christus, die Kirche und das Wirken des Heiligen Geistes, nie um Sensation oder eigenes Ansehen.
Heilige und Kirchenlehrerin
Schon zu Lebzeiten galt Hildegard als heilig, und über die Jahrhunderte verehrte man sie ununterbrochen als Heilige – besonders am Rhein. Ihr Gedenktag und Namenstag ist der 17. September, ihr Todestag. Ihre Reliquien werden bis heute in der Pfarrkirche von Eibingen bewahrt; die Verehrung solcher Reliquien ehrt nicht das Gebein, sondern den Heiligen, dessen Leib einst Tempel des Heiligen Geistes war. Die Gedenktage weiterer Heiliger stehen im Heiligenkalender nach Monaten.
Die feierliche Heiligsprechung und die Erhebung zur Kirchenlehrerin erfolgten allerdings erst im Jahr 2012 – ein Vorgang unserer Zeit, den wir hier schlicht der Vollständigkeit halber festhalten. Damit reiht sich Hildegard unter die wenigen Frauen und die großen deutschen Lehrer der Kirche ein; verwandt im Geist ist etwa der gelehrte heilige Albertus Magnus. Auch die deutsche Mystikerin Edith Stein steht in dieser Linie von Frauen, die ihr Denken ganz in den Dienst Gottes stellten.
Ihr Glaube, ihre Werke und ihre Musik
Hildegards Glaube war kein Rückzug ins Private, sondern ein Loben und Dienen mit dem ganzen Menschen. Ihre Werke sind erstaunlich vielfältig. Neben Scivias verfasste sie den Liber vitae meritorum und den Liber divinorum operum, das „Buch der göttlichen Werke". In ihren naturkundlichen Schriften Physica und Causae et curae beschrieb sie Kräuter, Steine und die Heilkraft der Schöpfung – daher rührt der heutige Ruf ihrer „Medizin". Doch für Hildegard war die Natur nie Selbstzweck, sondern Ausdruck der viriditas, der „Grünkraft" Gottes, die alles Leben durchwirkt.
Vor allem aber war Hildegard Musikerin. Sie komponierte über siebzig geistliche Gesänge, gesammelt in der Symphonia, und das geistliche Spiel Ordo Virtutum, in dem die Tugenden um die Seele ringen. Ihr Lied O virtus Sapientiae – „O Kraft der Weisheit" – preist die göttliche Weisheit, die die Welt umfängt. Wie ihre marianischen Gesänge steht es in einer Linie mit dem Magnificat, dem Lobgesang Mariens, und dem großen Te Deum der Kirche. Über die Weisheit, die Hildegard besang, sagt schon die Heilige Schrift im Buch der Weisheit:
Und da sie einig ist, vermag sie alles; und obgleich in sich bleibend, macht sie alles neu und tritt von Volk zu Volk in die heiligen Seelen ein und macht sie zu Freunden Gottes und zu Propheten. (Weisheit 7,27)
Hildegard-Medizin: Heilkunde, Kräuter und Fasten
Aus ihren naturkundlichen Werken Physica und Causae et curae speist sich die heutige Hildegard-Medizin. Hildegard beschrieb dort die Heilkraft von Kräutern wie Galgant, Bertram und Quendel, empfahl das Dinkelgericht Habermus zum Frühstück und kannte Anwendungen wie Aderlass und Fasten. Für Hildegard war all dies kein Zauber und kein Aberglaube, sondern schlichte Beobachtung der Ordnung, die der Schöpfer in seine Schöpfung gelegt hat. Wer heute nach Hildegard von Bingen fastet, sollte darum recht unterscheiden: Gesundheit ist eine Gabe Gottes, niemals das Werk magischer Steine oder Formeln.
Zitate der heiligen Hildegard
Viele Zitate und Sprüche kursieren unter Hildegards Namen – nicht alle sind echt. Diese aber sind ihren Schriften und Briefen entnommen:
Der Mensch ist eine Feder auf dem Atem Gottes.
O edelstes Grünen, das du wurzelst in der Sonne und in klarer Heiterkeit leuchtest.
Der Leib ist das Gewand der Seele, und die Seele lässt den Leib erklingen.
Diese Worte tragen alle dieselbe Handschrift: Der Mensch ist nicht sein eigener Herr, sondern lebt aus Gott, blüht aus Gott, klingt aus Gott.
Ein Gebet mit der heiligen Hildegard
Wer sich der Heiligen anvertrauen möchte, tut es nicht als Zauberformel, sondern im schlichten Vertrauen auf die Fürbitte einer Freundin Gottes. In Hildegards eigenem Geist dürfen wir beten:
Heilige Hildegard, Feder auf dem Atem Gottes, du hast das lebendige Licht geschaut und dein ganzes Leben dem Lob des Herrn geweiht. Erbitte auch uns ein waches Herz für Gottes Wege, dass wir grünen und Frucht bringen in seiner Gnade. Durch Christus, unsern Herrn. Amen.
Solche Anrufungen der Heiligen sind, recht verstanden, nichts anderes als die Bitte, dass ein Freund im Himmel mit uns zu Gott bete – wie wir es in jeder Litanei tun.
Häufig gestellte Fragen
Wer war Hildegard von Bingen?
Hildegard (1098–1179) war eine deutsche Benediktinerin und Äbtissin, Mystikerin und Komponistin. Sie empfing von Kindheit an Visionen, gründete die Klöster Rupertsberg und Eibingen und gilt als Heilige und Kirchenlehrerin.
Wann lebte Hildegard von Bingen und wie alt wurde sie?
Sie lebte im 12. Jahrhundert, von 1098 bis zum 17. September 1179, und wurde einundachtzig Jahre alt – ein hohes Alter für ihre Zeit.
Wo liegt das Grab der heiligen Hildegard?
Hildegard starb auf dem Rupertsberg bei Bingen. Ihre Reliquien werden heute in der Pfarr- und Wallfahrtskirche St. Hildegard in Eibingen bei Rüdesheim verehrt.
Welche Werke hat Hildegard von Bingen geschrieben?
Ihr geistliches Hauptwerk ist Scivias („Wisse die Wege des Herrn"), dazu Liber vitae meritorum und Liber divinorum operum. Naturkundlich sind Physica und Causae et curae, musikalisch die Symphonia und das Spiel Ordo Virtutum.
Wann ist der Gedenktag der heiligen Hildegard?
Ihr Gedenktag und Namenstag ist der 17. September, ihr Todestag.
Ist Hildegard von Bingen heiliggesprochen?
Sie wurde jahrhundertelang als Heilige verehrt; die feierliche Heiligsprechung und die Erhebung zur Kirchenlehrerin erfolgten im Jahr 2012.
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Quellen. Hildegard von Bingen, Scivias (Wisse die Wege); Hildegard von Bingen, Briefwechsel (das Bild von der „Feder auf dem Atem Gottes"); Das Buch der Weisheit 7,27 nach der Allioli-Bibel; Acta der Synode von Trier (1147/48) zur Anerkennung durch Papst Eugen III.; Martyrologium und Überlieferung zum Gedenktag am 17. September.