Das Stundengebet
Katholisches Stundengebet: das Brevier und seine Horen
Das katholische Stundengebet in seiner überlieferten Form: was das Brevier ist und was das Wort bedeutet, die acht Horen von der Matutin bis zur Komplet, der Aufbau des Römischen Breviers von 1962, der Unterschied zum Stundenbuch und wie Laien es beten.
Das katholische Stundengebet ist das tägliche Gebet der Kirche, und das Brevier ist das Buch, das es enthält: Psalmen, Hymnen, Lesungen und Gebete, verteilt auf die Stunden des Tages und der Nacht. Priester, Ordensleute und Kleriker in den höheren Weihen sind verpflichtet, es täglich zu beten; durch sie erfüllt die ganze Kirche das Wort des Psalmisten: »Siebenmal des Tages spreche ich dein Lob« (Psalm 118,164, Allioli). Dieser Beitrag erklärt das Brevier in seiner überlieferten Form, dem Römischen Brevier von 1962: seine acht Horen, seinen Aufbau, den Unterschied zum heutigen Stundenbuch und wie auch Laien es beten können.
Brevier: Bedeutung des Wortes
Das Wort kommt vom lateinischen breviarium, »Auszug, kurze Zusammenfassung«. Im Mittelalter brauchte man für das Chorgebet viele Bücher: Psalterium, Antiphonale, Hymnar, Lektionar, Kollektar. Seit dem 11. Jahrhundert fasste man sie zu einem handlichen Band zusammen, den der Kleriker auch auf Reisen bei sich tragen konnte. Die Franziskaner, stets unterwegs, übernahmen im 13. Jahrhundert das Brevier der päpstlichen Kurie und verbreiteten es in der ganzen Christenheit; von ihm stammt das Römische Brevier ab.
Brevier bezeichnet also das Buch, Stundengebet (lateinisch Officium divinum, »göttliches Offizium«) das Gebet selbst. Der heilige Benedikt nannte es Opus Dei, das »Werk Gottes«, dem nichts vorgezogen werden soll (Regel, Kap. 43). Es ist kein privates Andachtsbuch, sondern das öffentliche Gebet der Kirche: Wer sein Brevier betet, leiht der Braut Christi seine Stimme – auch wenn er allein in seinem Zimmer sitzt.
Die acht Horen des katholischen Stundengebets
Das Römische Brevier verteilt das Gebet auf acht Gebetszeiten, die Horen:
| Hore | Zeit | Kennzeichen |
|---|---|---|
| Matutin | Nacht oder früher Morgen | die längste Hore: Psalmen und drei oder neun Lesungen aus Schrift, Vätern und Heiligenleben |
| Laudes | Morgenröte | Morgenlob der Auferstehung, mit dem Benedictus |
| Prim | erste Stunde, um 6 Uhr | Weihe des Arbeitstages |
| Terz | dritte Stunde, um 9 Uhr | Erinnerung an die Herabkunft des Heiligen Geistes |
| Sext | sechste Stunde, Mittag | Erinnerung an die Kreuzigung |
| Non | neunte Stunde, um 15 Uhr | Erinnerung an den Tod Christi |
| Vesper | Abend | Abendopfer des Lobes, mit dem Magnificat |
| Komplet | vor der Nachtruhe | Nachtgebet mit dem Nunc dimittis |
In jeder Hore erklingt zu Beginn der Ruf aus Psalm 69: Deus, in adjutórium meum inténde – »O Gott, habe acht auf meine Hilfe, Herr! eile, mir zu helfen« (Allioli). Die Matutin entspricht dem Wort »Ich stehe um Mitternacht auf, dich zu preisen« (Psalm 118,62); Prim, Terz, Sext und Non heißen die »kleinen Horen«. Laudes und Vesper sind die beiden Angelpunkte des Tages.
Die Vesper des Sonntags mit den Psalmen 109 bis 113 der Vulgata ist die Hore, die das Volk am längsten in den Pfarreien mitgesungen hat; ihr Höhepunkt ist das Magnificat, der Lobgesang Mariens. Die Komplet schließt den Tag: Am Sonntag betet sie die Psalmen 4, 90 und 133 – darunter den Schutzpsalm, den wir in unserem Beitrag über Psalm 91 ausführlich erklären –, dann den Lobgesang des greisen Simeon:
Nun entlässest du, Herr! deinen Diener nach deinem Worte im Frieden; denn meine Augen haben dein Heil gesehen, das du bereitet hast vor dem Angesichte aller Völker, ein Licht zur Erleuchtung der Heiden und zur Verherrlichung deines Volkes Israel.
— Lukas 2,29–32 (Allioli)
Am Ende der Komplet steht eine Antiphon zur Muttergottes, je nach Zeit des Kirchenjahres; vom Dreifaltigkeitssonntag bis zum Advent ist es das Salve Regina.
Der Aufbau des Römischen Breviers
Das Brevier ist kein Gebetbuch, das man von vorn nach hinten liest. Es ist eine liturgische Ordnung, deren Teile man nach dem Kalender zusammensetzt:
- Das Psalterium. Die 150 Psalmen sind der Grundstoff des Stundengebets. Sie sind so auf die Woche verteilt, dass der ganze Psalter in sieben Tagen gebetet wird. Der heilige Pius X. ordnete diese Verteilung mit der Apostolischen Konstitution Divino afflatu (1911) neu.
- Das Proprium de Tempore folgt dem Kirchenjahr – Advent, Weihnachtszeit, Vorfastenzeit, Fastenzeit, Osterzeit, Zeit nach Pfingsten – und gibt jedem Tag seine Antiphonen, Lesungen und Orationen.
- Das Proprium Sanctorum enthält die eigenen Texte der Heiligenfeste, Tag für Tag nach dem Kalender.
- Das Commune Sanctorum bietet gemeinsame Formulare – für Märtyrer, Bekenner, Jungfrauen –, wenn ein Heiliger kein ganz eigenes Offizium hat.
Dazu kommen das feste Gerüst jeder Hore (Ordinarium) und die Rubriken, die regeln, welcher Text an welchem Tag Vorrang hat. Darum erscheint das vollständige Brevier meist in mehreren Bänden, nach Jahreszeiten geteilt.
Vom Brevier Pius' V. zum Brevier von 1962
Nach dem Konzil von Trient veröffentlichte der heilige Pius V. 1568 mit der Bulle Quod a nobis das erneuerte Breviarium Romanum für die ganze lateinische Kirche – ausgenommen Kirchen und Orden mit einem mehr als zweihundertjährigen eigenen Brauch. Clemens VIII. und Urban VIII. gaben überarbeitete Ausgaben heraus; Pius X. ordnete 1911 das Psalterium neu; Pius XII. vereinfachte 1955 die Rubriken; Johannes XXIII. erließ 1960 einen neuen Rubrikenkodex. Die Ausgabe nach diesen Rubriken – das sogenannte Brevier von 1962 – ist die letzte Gestalt des überlieferten Römischen Breviers. Ihr folgen heute die Gemeinschaften, die der alten Liturgie verbunden sind, ebenso wie sie für die tridentinische Messe das Messbuch von 1962 gebrauchen: derselbe Kalender, dieselben Feste, dieselben Orationen.
Brevier und Stundenbuch: zwei verschiedene Bücher
Wer heute »Stundengebet«, »Stundengebet-App« oder »Stundenbuch« sucht, stößt fast immer auf ein anderes Buch: das Stundenbuch, die deutsche Ausgabe der nach 1970 erschienenen Liturgia Horarum. Sie ist das amtliche Stundengebet der Bistümer des deutschen Sprachgebiets, und die Bischöfe stellen es kostenlos im Netz und als Stundenbuch-App zur Verfügung. Wer das heutige Stundengebet seiner Pfarrei beten will, ist dort richtig.
Das Stundenbuch unterscheidet sich jedoch deutlich vom Römischen Brevier:
| Römisches Brevier (1962) | Stundenbuch (nach 1970) | |
|---|---|---|
| Psalter | in einer Woche ganz gebetet | auf vier Wochen verteilt, einige Psalmen und Verse ausgelassen |
| Horen | acht, mit der Prim | die Prim abgeschafft; statt Terz, Sext und Non meist eine Mittagshore |
| Nachthore | Matutin mit Psalmen und Lesungen | »Lesehore«, zu jeder Tageszeit |
| Sprache | Latein (mit Übersetzung zum Mitlesen) | deutsche Übersetzung |
| Kalender | Kalender von 1962 | erneuerter Kalender von 1969 |
Ehrlich gesagt: Eine »Stundenbuch-App« gibt Ihnen das erneuerte Stundengebet, nicht das Brevier von 1962. Wer das überlieferte Offizium beten möchte, braucht ein Römisches Brevier – oder ein Werkzeug, das das Offizium von 1962 nach dem alten Kalender zusammenstellt.
Das Stundengebet des katholischen Priesters
Das Kirchenrecht von 1917 (Kanon 135) verpflichtete die Kleriker in den höheren Weihen – Subdiakone, Diakone, Priester und Bischöfe – zum täglichen und vollständigen Gebet der kanonischen Horen; Ordensleute mit feierlichen Gelübden waren zum Chorgebet verpflichtet. Die Moraltheologen lehrten übereinstimmend, dass das freiwillige Auslassen eines bedeutenden Teils eine schwere Sünde ist. Der Grund ist einfach: Das Stundengebet ist nicht Privatsache des Klerikers, sondern das Gebet der ganzen Kirche, das nicht verstummen darf. Der Herr selbst sagte, »dass man allezeit beten, und nicht nachlassen müsse« (Lukas 18,1).
Wie Laien das Brevier beten können
Laien sind zu nichts verpflichtet – aber nichts ist ihnen verschlossen. Bewährte Ratschläge:
- Klein anfangen. Prim und Komplet sind kurz und fast unveränderlich: die klassischen Eingangstüren. Danach Laudes und Vesper, die beiden Angelpunkte des Tages. Wer abends ohnehin betet, findet in der Komplet die vollkommene Form des Abendgebets; wer morgens beginnen will, in der Prim ein Gegenstück zum Morgengebet.
- Das Offizium des Tages finden. Die Schwierigkeit des Breviers liegt im Zusammensetzen nach dem Kalender. Unsere Seite Brevier zeigt das Offizium des Tages nach 1962; die Website Divinum Officium stellt jede Hore für jedes Datum fertig zusammen, auf Latein mit Übersetzung.
- Nicht das Ganze wollen. Wer jeden Tag treu Prim und Komplet betet, betet mehr mit der Kirche als jemand, der alles versucht und nach einer Woche aufgibt. Der Angelus, dreimal täglich, ist die älteste Form dieser Heiligung der Stunden, die allen offensteht.
- Langsam beten. Das Stundengebet ist Psalmodie, kein Lesen; sein Wert bemisst sich nicht an der Geschwindigkeit.
Häufig gestellte Fragen
Brevier: Bedeutung des Wortes
Das Brevier ist das liturgische Buch, das das Stundengebet der Kirche enthält: Psalmen, Antiphonen, Hymnen, Lesungen und Orationen, verteilt auf die acht Horen jedes Tages. Der Name kommt vom lateinischen breviarium, »Auszug«, weil es in einem Band vereinte, was früher mehrere Chorbücher brauchte.
Was ist der Unterschied zwischen Brevier und Stundengebet?
Das Stundengebet ist das Gebet selbst, das Brevier das Buch, in dem es steht. Im heutigen Sprachgebrauch meint »Brevier« oft das überlieferte Römische Brevier (bis 1962), während das erneuerte Stundengebet im deutschen Sprachraum »Stundenbuch« heißt.
Welche Zeiten hat das Stundengebet?
Im Römischen Brevier sind es acht Horen: Matutin in der Nacht, Laudes am Morgen, Prim, Terz, Sext und Non zur ersten, dritten, sechsten und neunten Stunde des Tages, Vesper am Abend und Komplet vor der Nachtruhe.
Gibt es eine Stundenbuch-App?
Ja. Das Deutsche Liturgische Institut stellt das amtliche Stundenbuch kostenlos als App und im Netz bereit. Sie enthält das erneuerte Stundengebet nach 1970, nicht das Römische Brevier von 1962. Das überlieferte Offizium findet man online bei Divinum Officium und bald in der App Iter Fidei.
Wie heißt das katholische Stundengebet mit 4 Buchstaben?
Im Kreuzworträtsel ist meist eine der Horen gemeint: Prim, Terz, Sext oder None (auch Non geschrieben) – die kleinen Horen am Morgen, Vormittag, Mittag und Nachmittag. Auch Hore selbst, die einzelne Gebetszeit, hat vier Buchstaben. Für das »Morgengebet des katholischen Breviers« lautet die Lösung meist Laudes (6 Buchstaben) oder Prim (4 Buchstaben).
Kann ein Laie das Brevier beten?
Ja, ohne jede Verpflichtung. Man beginnt am besten mit einer oder zwei Horen – Komplet am Abend, Prim oder Laudes am Morgen – statt mit dem ganzen Offizium. So betet der Laie mit dem öffentlichen Gebet der Kirche.
Gibt es das Brevier auf Latein und Deutsch?
Ja. Divinum Officium zeigt jede Hore des Breviers von 1962 auf Latein mit der deutschen Übersetzung daneben, und auch die App Iter Fidei wird das Offizium zweisprachig bieten. Wer gedruckt beten will, sucht bei traditionellen Verlagen nach lateinisch-deutschen Ausgaben einzelner Horen.
Die App Iter Fidei bringt das Römische Brevier von 1962 auf Ihr Telefon: jede Hore zu ihrer Zeit nach dem alten Kalender, auf Latein mit Audio und auf Deutsch, auch ohne Verbindung. Mehr dazu auf der Seite über unser Brevier in der App. Die App erscheint bald für iOS und Android: Sichern Sie sich den frühen Zugang. Hier frühen Zugang sichern.
Quellen. Allioli-Bibel (Psalm 118,62 und 164; Psalm 69,2; Lukas 2,29–32; Lukas 18,1); Regel des heiligen Benedikt, Kap. 16 und 43; hl. Pius V., Bulle Quod a nobis (1568); hl. Pius X., Apostolische Konstitution Divino afflatu (1911); Breviarium Romanum (1962); Codex des kanonischen Rechts von 1917, Kanon 135.