Die Heiligen
Der heilige Martin von Tours und das Martinsfest
Wer war der heilige Martin? Die Geschichte der Mantelteilung, die Bedeutung von Laterne und Martinsgans und warum wir am 11. November das Martinsfest feiern.

Wenn die Tage kürzer werden und die Kinder mit ihren Laternen durch die dunklen Straßen ziehen, feiern wir den heiligen Martin von Tours. Kaum ein Heiliger ist im deutschen Sprachraum so lebendig geblieben. Doch hinter Laternenumzug, Martinsgans und Martinslied steht eine wahre Geschichte, die vor mehr als sechzehnhundert Jahren begann – ihr Herzstück ist die Mantelteilung.
Die Mantelteilung: die Geschichte von St. Martin und dem Bettler
Es war ein bitterkalter Wintertag. Martin, ein junger römischer Soldat, ritt zu Pferd an das Stadttor von Amiens in Gallien. Dort kauerte ein fast nackter Bettler, zitternd vor Kälte, und niemand achtete auf ihn. Martin besaß nichts als seine Waffen und seinen warmen Soldatenmantel. Da zog er sein Schwert, teilte den Mantel in zwei Hälften und gab die eine dem frierenden Armen.
In der folgenden Nacht, so berichtet sein Schüler und Biograph Sulpicius Severus, erschien Martin im Traum Christus selbst, bekleidet mit dem halben Soldatenmantel, den er dem Bettler geschenkt hatte. Und der Herr sprach zu den Engeln: "Martin hat mich mit diesem Mantel bekleidet." So erfüllte sich am jungen Soldaten das Wort des Herrn aus dem Evangelium:
Ich war nackt, und ihr habt mich bekleidet. (Matthäus 25, 36)
Wahrlich, ich sage euch, so weit ihr es einem dieser meiner geringsten Brüder getan habt, habt ihr es mir getan! (Matthäus 25, 40)
Darin liegt die eigentliche Bedeutung von St. Martin und der Kern der ganzen Legende: In jedem Armen begegnet uns Christus. Die Mantelteilung ist kein bloßes Märchen für Kinder, sondern eine gelebte Predigt über die tätige Nächstenliebe. Dasselbe hatte schon der römische Diakon Laurentius bezeugt, als er dem Präfekten die Armen als „die Schätze der Kirche" vorstellte.
Wer war der heilige Martin? Ein kurzer Steckbrief
Wer kurz und knapp wissen möchte, wer St. Martin war, findet hier die wichtigsten Fakten:
- Geboren: um 316 in Sabaria (im heutigen Ungarn), aufgewachsen im italienischen Pavia
- Beruf: zunächst römischer Soldat, Sohn eines Offiziers
- Bekehrung: Taufe als junger Mann, danach Verzicht auf den Kriegsdienst
- Lehrer: der heilige Bischof Hilarius von Poitiers
- Amt: ab 371 Bischof von Tours in Gallien (Frankreich)
- Gestorben: am 8. November 397 in Candes, beigesetzt am 11. November in Tours
- Gedenktag: 11. November (der Tag seiner Grablegung)
Martin gilt als einer der ersten Heiligen, die nicht als Märtyrer starben, sondern als Bekenner: Er bezeugte den Glauben durch ein heiligmäßiges Leben. Als Mönch gründete er in Ligugé und Marmoutier klösterliche Gemeinschaften und wurde so zu einem Vater des Mönchtums im Abendland.
Die Geschichte vom Bischof, der sich versteckte
Das Volk von Tours liebte Martin so sehr, dass es ihn zum Bischof haben wollte. Martin aber hielt sich seiner Demut wegen für unwürdig. Der Überlieferung nach versteckte er sich in einem Gänsestall, um dem Amt zu entgehen. Doch die Gänse begannen so laut zu schnattern, dass sein Versteck verraten wurde. So wurde Martin gegen seinen Willen zum Bischof geweiht.
Als Bischof blieb er einfach und arm, half den Bedürftigen und trat mutig für die Verfolgten ein. Diese Verbindung von Autorität und Demut machte ihn zum Vorbild eines guten Hirten.
Das Martinsfest: Warum feiern wir am 11. November St. Martin?
Der Martinstag fällt auf den 11. November, den Tag der Beisetzung des Heiligen im Jahr 397. Warum feiern wir St. Martin gerade dann? Weil die Kirche ihre Heiligen traditionell nicht am Geburtstag, sondern am Tag ihres Heimgangs zu Gott ehrt – dem Tag ihrer Geburt für den Himmel.
Der 11. November hatte früher noch eine zweite Bedeutung: Er markierte das Ende des bäuerlichen Wirtschaftsjahres und den Beginn einer vierzigtägigen Fastenzeit vor Weihnachten, der sogenannten "Martinsquadragese". Das Martinsfest war das letzte große Mahl vor dieser stillen Zeit der Vorbereitung, die in den Advent überging.
Ein gesetzlicher Feiertag ist der Martinstag heute nicht. Doch in vielen Regionen, besonders im Rheinland, in Bayern und in katholischen Gegenden, wird er mit großer Freude begangen.
Die Laterne und der Laternenumzug: Christus, das Licht
Der schönste Brauch des Martinsfestes ist der Laternenumzug. Kinder basteln bunte Laternen, singen Lieder wie "Sankt Martin ritt durch Schnee und Wind" und ziehen in der Dunkelheit durch die Straßen, oft geführt von einem Reiter, der den heiligen Martin darstellt.
Warum die Laternen an St. Martin? Das Licht in der dunklen Novembernacht hat einen tiefen geistlichen Sinn. Es erinnert an Christus, das wahre Licht, das in die Finsternis der Welt gekommen ist. Und es erinnert an das Licht der Nächstenliebe, das Martin durch seine gute Tat entzündet hat. Jede kleine Laterne trägt so ein Stück von Martins Licht in die Nacht hinaus. Wer den Sinn dieses Brauchs vertiefen möchte, findet in der Adventszeit, die kurz darauf beginnt, dieselbe Sehnsucht nach dem kommenden Licht wieder – Sie können darüber mehr in unserem Beitrag zum Advent lesen. Wenige Wochen nach Martin folgt mit dem heiligen Nikolaus am 6. Dezember schon der nächste große Kinderheilige.
Das Martinslied "Sankt Martin ritt durch Schnee und Wind": der Text
Zu jedem Laternenumzug gehört das bekannte Martinslied. Sein Text erzählt die Mantelteilung in Versen, die schon die Kleinsten mitsingen:
Sankt Martin, Sankt Martin,
Sankt Martin ritt durch Schnee und Wind,
sein Roß, das trug ihn fort geschwind.
Sankt Martin ritt mit leichtem Mut,
sein Mantel deckt' ihn warm und gut.
In den weiteren Strophen teilt Martin seinen Mantel mit dem armen Mann – so wird die Botschaft der Nächstenliebe singend weitergegeben.
Die Martinsgans: die Legende hinter dem Brauch
Zum Martinsfest gehört traditionell die Martinsgans, ein festlicher Gänsebraten. Woher kommt dieser Brauch? Zwei Deutungen werden überliefert. Die erste knüpft an die Legende an: Weil die schnatternden Gänse Martins Versteck verrieten, kam die Gans als Speise auf den Festtagstisch. Die zweite hat praktische Gründe: Am 11. November, vor Beginn der Fastenzeit, wurde noch einmal reichlich geschlemmt, und die Gänse waren zu dieser Jahreszeit schlachtreif.
Auch das Martinsgebäck gehört dazu – die Martinsbrezel und der Weckmann. Sie werden geteilt und verschenkt und halten den Kern der Martinsgeschichte lebendig: das Teilen.
St. Martin als Schutzpatron
Der heilige Martin ist einer der beliebtesten Schutzpatrone der Kirche. Er ist Patron Frankreichs, vieler Städte und Bistümer, der Soldaten und Reisenden, der Bettler und Armen, der Weber und Schneider – wegen des geteilten Mantels. Unzählige Kirchen tragen seinen Namen. Acht Tage nach ihm, am 19. November, feiert die Kirche die heilige Elisabeth von Thüringen, die wie er ihren Besitz mit den Armen teilte.
Wie bei allen Heiligen gilt: Wir bitten den heiligen Martin um seine Fürsprache bei Gott. Er ist kein Glücksbringer und kein magischer Helfer, sondern ein Freund Gottes, der für uns beim Herrn eintritt. Alle Gnade kommt allein von Gott. So dürfen wir vertrauensvoll beten, wie auch die Litaneien der Kirche uns die Fürbitte der Heiligen ans Herz legen.
Ein einfaches Kindergebet zum heiligen Martin
Kinder feiern das Martinsfest mit besonderer Freude. Sie können den Heiligen mit den Worten anrufen, mit denen die Allerheiligenlitanei ihn nennt:
Heiliger Martin, bitte für uns.
Am 11. November betet die Kirche diese Oration des Römischen Messbuchs:
Lateinisch:
Deus, qui cónspicis, quia ex nulla nostra virtúte subsístimus: concéde propítius; ut, intercessióne beáti Martíni Confessóris tui atque Pontíficis, contra ómnia advérsa muniámur. Per Dóminum nostrum Jesum Christum, Fílium tuum: qui tecum vivit et regnat in unitáte Spíritus Sancti Deus, per ómnia sǽcula sæculórum. Amen.
Deutsch:
O Gott, Du siehst, daß wir aus eigener Kraft nicht bestehen können; so verleihe denn in Deiner Huld, daß die Fürsprache Deines hl. Bekenners und Bischofs Martinus uns gegen alles Widrige schirme. Durch unsern Herrn Jesus Christus, Deinen Sohn, der mit Dir lebt und herrscht in der Einheit des Heiligen Geistes, Gott von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.
Ein solches Gebet lässt sich gut mit dem abendlichen Kindergebet verbinden. Wer die Kinder an das gemeinsame Beten heranführen möchte, findet auch im Morgengebet und in den kurzen Gebeten der Kirche einfache Worte für den Alltag. Weitere Heilige mit ihren Gedenktagen finden Sie im Heiligenkalender nach Monaten.
Häufig gestellte Fragen
Wann ist St. Martin?
Der Martinstag ist immer am 11. November. Er erinnert an den Tag der Grablegung des heiligen Martin von Tours im Jahr 397. Die Laternenumzüge finden meist am Abend dieses Tages oder in den Tagen davor statt.
Wer war St. Martin wirklich?
Martin von Tours (um 316–397) war ein römischer Soldat, der Christ wurde und später Bischof von Tours in Gallien. Berühmt wurde er durch die Mantelteilung. Er gilt als einer der ersten als Bekenner verehrten Heiligen und als Vater des Mönchtums im Abendland.
Was bedeutet die Mantelteilung?
Sie zeigt die tätige Nächstenliebe. Martin teilte seinen Mantel mit einem frierenden Bettler, und in der Nacht erschien ihm Christus in eben diesem Mantel. Die Geschichte lehrt, dass wir in jedem Armen Christus selbst begegnen (Matthäus 25, 40).
Warum feiern wir St. Martin mit Laternen?
Die Laternen bringen Licht in die dunkle Novembernacht. Sie erinnern an Christus, das Licht der Welt, und an das Licht der Nächstenliebe, das Martin durch seine gute Tat entzündete. Der Laternenumzug macht diese Botschaft für Kinder sichtbar.
Warum isst man an St. Martin eine Gans?
Der Legende nach verrieten schnatternde Gänse das Versteck des Martin, der sich vor dem Bischofsamt verbergen wollte. Zugleich wurde am 11. November, vor der vorweihnachtlichen Fastenzeit, noch einmal festlich gegessen. Beides verbindet sich in der Martinsgans.
Ist St. Martin katholisch oder evangelisch?
Martin von Tours ist ein katholischer Heiliger des 4. Jahrhunderts, lange vor der Reformation. Er wird von der katholischen und der orthodoxen Kirche verehrt; mehr dazu im Beitrag katholisch oder evangelisch. In evangelischen Gegenden wird das Martinsfest teils mit Blick auf Martin Luther begangen, dessen Tauftag der 11. November war und der nach dem heiligen Martin benannt wurde.
Iter Fidei begleitet Sie und Ihre Kinder durch das ganze Kirchenjahr: mit den Festen der Heiligen, den überlieferten Gebeten und der Allioli-Bibel, ganz im Geist der katholischen Tradition. Hier frühen Zugang sichern.
Quellen. Sulpicius Severus, Vita Sancti Martini (Leben des heiligen Martin); Allioli-Bibel, Evangelium nach Matthäus 25; Katechismus des heiligen Pius X. (über die Verehrung der Heiligen); Dom Prosper Guéranger, Das Kirchenjahr (L'Année liturgique).