Das Gebet
Litanei der Demut: vollständiger Text und Bedeutung
Die Litanei der Demut, die Kardinal Rafael Merry del Val zugeschrieben wird, im vollständigen Text auf Deutsch: ihre Herkunft, ihr Platz in der katholischen Frömmigkeit, die Lehre der Heiligen über die Demut und wie man sie betet.
Die Litanei der Demut ist ein kurzes, aber anspruchsvolles Gebet, in dem wir Jesus bitten, uns vom Verlangen nach Ehre und von der Angst vor Demütigung zu befreien. Sie wird dem Kardinal Rafael Merry del Val (1865-1930) zugeschrieben, dem Staatssekretär des heiligen Papstes Pius X., und hat sich über die ganze katholische Welt verbreitet. Hier geben wir den vollständigen Text auf Deutsch, erklären seine Herkunft und Bedeutung und zeigen, wie man ihn betet.
Die Litanei der Demut: Text auf Deutsch
Die Litanei hat drei Teile: die Anrufung Jesu, die Bitten um Befreiung von den Wünschen und Ängsten der Eigenliebe und die Bitten um die Gnade, das Gegenteil zu wünschen. Der Ruf am Ende jeder Zeile ist kursiv gesetzt.
O Jesus, sanftmütig und demütig von Herzen, erhöre mich.
Vom Wunsch, geachtet zu werden, befreie mich, o Jesus.
Vom Wunsch, geliebt zu werden, befreie mich, o Jesus.
Vom Wunsch, gerühmt zu werden, befreie mich, o Jesus.
Vom Wunsch, geehrt zu werden, befreie mich, o Jesus.
Vom Wunsch, gelobt zu werden, befreie mich, o Jesus.
Vom Wunsch, anderen vorgezogen zu werden, befreie mich, o Jesus.
Vom Wunsch, um Rat gefragt zu werden, befreie mich, o Jesus.
Vom Wunsch, Zustimmung zu finden, befreie mich, o Jesus.Von der Furcht, gedemütigt zu werden, befreie mich, o Jesus.
Von der Furcht, verachtet zu werden, befreie mich, o Jesus.
Von der Furcht, getadelt zu werden, befreie mich, o Jesus.
Von der Furcht, verleumdet zu werden, befreie mich, o Jesus.
Von der Furcht, vergessen zu werden, befreie mich, o Jesus.
Von der Furcht, ausgelacht zu werden, befreie mich, o Jesus.
Von der Furcht, Unrecht zu erleiden, befreie mich, o Jesus.
Von der Furcht, verdächtigt zu werden, befreie mich, o Jesus.Dass andere mehr geliebt werden als ich, Jesus, gewähre mir die Gnade, das zu wünschen.
Dass andere höher geschätzt werden als ich, Jesus, gewähre mir die Gnade, das zu wünschen.
Dass andere in den Augen der Welt zunehmen und ich abnehme, Jesus, gewähre mir die Gnade, das zu wünschen.
Dass andere erwählt werden und ich zurückgesetzt werde, Jesus, gewähre mir die Gnade, das zu wünschen.
Dass andere gelobt werden und ich unbeachtet bleibe, Jesus, gewähre mir die Gnade, das zu wünschen.
Dass andere mir in allem vorgezogen werden, Jesus, gewähre mir die Gnade, das zu wünschen.
Dass andere heiliger werden als ich, vorausgesetzt, dass ich so heilig werde, wie ich soll, Jesus, gewähre mir die Gnade, das zu wünschen.
Im Deutschen sind mehrere Übertragungen im Umlauf, die im Wortlaut leicht voneinander abweichen („Vom Verlangen" oder „Vom Wunsch", „höre mich" oder „erhöre mich"). Wir geben eine eigene, wörtliche Übertragung, die den Bitten der ursprünglichen Litanei Zeile für Zeile folgt und die im deutschen Sprachraum gebräuchlichen Wendungen aufnimmt. Manche Ausgaben fügen einen weiteren Teil an („Herr, hilf mir, mich darüber zu freuen …") oder vermehren die Bitten; das sind spätere Erweiterungen, die nicht zur ursprünglichen Litanei gehören.
Wer hat die Litanei der Demut verfasst?
Die Litanei wird dem Kardinal Rafael Merry del Val zugeschrieben. Er wurde am 10. Oktober 1865 in London als Sohn eines spanischen Diplomaten geboren, wurde 1888 zum Priester geweiht und diente früh im Dienst des Heiligen Stuhls. Beim Konklave von 1903 war er Sekretär; der neu gewählte Papst Pius X. ernannte ihn noch im selben Jahr zum Kardinal und zum Staatssekretär. In dieser Aufgabe stand er dem heiligen Papst in den schweren Kämpfen um die Reinheit des Glaubens gegen den Modernismus zur Seite. Nach dem Tod Pius' X. (1914) wurde er Sekretär des Heiligen Offiziums und blieb es bis zu seinem Tod am 26. Februar 1930. Sein Seligsprechungsprozess wurde 1953 eröffnet; die Kirche nennt ihn einen Diener Gottes.
Wer ihn kannte, rühmte seine Frömmigkeit und seine stille Sorge für die Armen und die Jugend Roms, um die er sich neben seinen hohen Ämtern kümmerte. Auf seinem Grab in den Grotten von Sankt Peter steht der Wahlspruch, den er sich selbst gewählt hatte: Da mihi animas, cetera tolle, „Gib mir Seelen, alles andere nimm".
Ob er die Litanei selbst verfasst oder ein älteres Gebet übernommen und geprägt hat, ist nicht sicher geklärt; ähnliche Gebete um Demut waren schon im 19. Jahrhundert verbreitet. Sicher ist, dass die Litanei mit seinem Namen und seinem verborgenen Gebetsleben verbunden ist und dass sie genau den Geist atmet, den die Zeitgenossen an ihm bewunderten.
Eine private Andacht, kein liturgisches Gebet
Die Litanei der Demut ist eine private Andacht. Sie trägt die Form einer Litanei, gehört aber nicht zu den Litaneien, die die Kirche für den öffentlichen Gottesdienst gutgeheißen hat. Das waren bis 1962 sechs: die Allerheiligenlitanei, die Lauretanische Litanei, die Litanei vom heiligsten Namen Jesu, die Herz-Jesu-Litanei, die Litanei vom heiligen Joseph und, seit 1960, die Litanei vom kostbaren Blut. Einen Überblick gibt unser Beitrag über die Litaneien der Kirche. Darum beginnt die Litanei der Demut auch nicht mit dem Kyrie, wie es die liturgischen Litaneien tun, sondern unmittelbar mit der Anrufung Jesu.
Das mindert ihren Wert nicht. Jeder Gläubige darf sie still für sich beten, und ihr Inhalt ist ganz aus der Heiligen Schrift und der Lehre der Heiligen geschöpft. Man soll sie nur nicht in die öffentliche Liturgie einfügen, wo die Kirche ihre eigenen Gebete vorschreibt.
Jesus, sanftmütig und demütig von Herzen
Die Litanei beginnt mit den Worten, mit denen der Herr selbst sich beschreibt: „Nehmet mein Joch auf euch, und lernet von mir; denn ich bin sanftmütig und demütigen Herzens; so werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen" (Matthäus 11,29). Hier fordert Jesus uns ausdrücklich auf, von Ihm zu lernen, und was Er uns zu lernen gibt, ist Sanftmut und Demut. Dieselbe Anrufung steht in der Litanei vom heiligsten Herzen Jesu; wer die Herz-Jesu-Verehrung pflegt, wird die Litanei der Demut als ihre natürliche Fortsetzung empfinden.
Der heilige Paulus beschreibt die Demut Christi in ihrer ganzen Tiefe: Er „entäußerte sich selbst, indem er Knechtsgestalt annahm … er erniedrigte sich selbst, indem er gehorsam ward bis zum Tode, ja, zum Tode am Kreuze" (Philipper 2,7-8). Wer die Litanei betet, bittet nicht um eine Haltung, die er sich selbst ausgedacht hat, sondern um Ähnlichkeit mit seinem Herrn.
Was ist Demut? Die Lehre der Heiligen
Der heilige Thomas von Aquin
Der heilige Thomas lehrt, dass die Demut das Streben des Menschen nach Größe zügelt, damit es nicht über die rechte Vernunft hinausgeht. Sie beruht auf der Wahrheit: Der Mensch erkennt, dass alles Gute in ihm von Gott kommt und dass er aus sich selbst nur die Sünde hat. Darum ist die Demut nach Thomas gleichsam das Fundament des geistlichen Lebens: Sie räumt den Hochmut beiseite, der sich der Gnade widersetzt, denn „Gott widerstehet den Hoffärtigen, den Demütigen aber gibt er Gnade" (Jakobus 4,6). Der Hochmut steht nicht zufällig an der Spitze der sieben Todsünden: Er ist die Wurzel, aus der die anderen wachsen.
Der heilige Franz von Sales
In seiner Philothea unterscheidet der heilige Franz von Sales die äußere Demut von der inneren. Wer nur demütige Worte macht, um gelobt zu werden, ist in Wahrheit stolz. Die wahre Demut liebt die eigene Niedrigkeit, ohne sie zur Schau zu stellen, und bleibt gelassen, wenn sie übersehen oder getadelt wird. Gerade diese Haltung erbittet die Litanei: nicht ein künstliches Kleinmachen, sondern die Freiheit von der ständigen Sorge um das eigene Ansehen.
Der heilige Benedikt
Die Regel des heiligen Benedikt widmet der Demut ihr längstes Kapitel und beschreibt sie als Leiter mit zwölf Stufen, auf der man durch Erniedrigung zu Gott aufsteigt. Das Wort des Herrn, das dem zugrunde liegt, kehrt im Evangelium immer wieder: „Ein jeder, der sich selbst erhöhet, wird erniedriget werden; und wer sich selbst erniedriget, wird erhöhet werden" (Lukas 14,11).
Die drei Teile der Litanei erklärt
„Vom Wunsch, geachtet zu werden": die Befreiung von der Eigenliebe
Die erste Reihe nennt acht Wünsche, die fast jeder kennt: geachtet, geliebt, gerühmt, geehrt, gelobt, vorgezogen, um Rat gefragt, bestätigt zu werden. Sie sind nicht schlecht an sich; schlecht ist, wenn sie das Herz beherrschen und wir unser Handeln heimlich nach ihnen ausrichten. Wir bitten nicht darum, nie mehr geliebt zu werden, sondern darum, vom Verlangen danach frei zu werden.
„Von der Furcht, gedemütigt zu werden": die Befreiung von der Angst
Die zweite Reihe ist die Kehrseite der ersten. Wer an seinem Ansehen hängt, fürchtet, es zu verlieren: Demütigung, Verachtung, Tadel, Verleumdung, Vergessenwerden, Spott, Unrecht, Verdacht. Diese Ängste lähmen oft mehr als die Wünsche. Christus selbst hat alles das erlitten, bis zum Spott unter dem Kreuz; wer Ihn um Befreiung bittet, bittet um Seinen Frieden.
„Dass andere mehr geliebt werden als ich": die großmütige Liebe
Die dritte Reihe ist die kühnste. Hier bitten wir nicht nur um Gleichmut, sondern um die Gnade, das Wohl der anderen zu wünschen, auch wenn es auf unsere Kosten geht. Die Bitte „dass andere in den Augen der Welt zunehmen und ich abnehme" greift das Wort Johannes des Täufers auf: „Er muss wachsen, ich aber muss abnehmen" (Johannes 3,30). Und die letzte Bitte ist von einer schönen Weisheit: Wir wünschen, dass andere heiliger werden als wir, „vorausgesetzt, dass ich so heilig werde, wie ich soll". Die Demut verzichtet also nicht auf die Heiligkeit; sie verzichtet nur darauf, sich mit anderen zu vergleichen.
Wie und wann betet man die Litanei der Demut?
Die Litanei braucht kaum drei Minuten. Viele beten sie täglich, am Morgen vor den Aufgaben des Tages oder am Abend bei der Gewissenserforschung. Sie eignet sich besonders:
- als Vorbereitung auf die Beichte, weil sie die verborgenen Wurzeln vieler Sünden ans Licht bringt;
- in Zeiten, in denen wir uns übergangen, verkannt oder ungerecht behandelt fühlen;
- vor wichtigen Entscheidungen, Gesprächen oder Ämtern, wenn der Ehrgeiz sich meldet;
- als Teil des Abendgebets, um den Tag ohne Groll in Gottes Hände zu legen.
Wer sie zum ersten Mal betet, spürt oft Widerstand bei der dritten Reihe. Das ist kein Grund, aufzuhören. Man darf die Bitten zunächst als Wunsch nach dem Wunsch beten: „Gib mir die Gnade, das wünschen zu wollen." Die Gnade wirkt langsam, und die Litanei ist kein Zauberspruch, der den Charakter auf einen Schlag verwandelt, sondern ein tägliches Sich-Öffnen für das Wirken Gottes.
Litanei der Demut als PDF
Viele suchen die Litanei der Demut als PDF, um sie auszudrucken oder ins Gebetbuch zu legen. Eine eigene Datei bieten wir bewusst nicht an: Der vollständige Text steht oben und lässt sich so, wie er ist, ausdrucken. Wer die Litanei täglich beten möchte, ist mit der App Iter Fidei besser beraten: Dort stehen die Litaneien der Kirche, das Brevier und das Gebet des Tages bereit, mit Erinnerung und ohne Internetverbindung. Hier frühen Zugang sichern.
Häufig gestellte Fragen
Wer hat die Litanei der Demut geschrieben?
Sie wird Kardinal Rafael Merry del Val (1865-1930) zugeschrieben, dem Staatssekretär des heiligen Pius X. Ob er sie selbst verfasst oder ein älteres Gebet übernommen hat, ist nicht sicher geklärt.
Ist die Litanei der Demut von der Kirche anerkannt?
Sie ist ein frommes Privatgebet, dessen Inhalt ganz der katholischen Lehre entspricht. Für den öffentlichen Gottesdienst hat die Kirche jedoch nur bestimmte Litaneien gutgeheißen; die Litanei der Demut gehört nicht dazu.
Wann sollte man die Litanei der Demut beten?
Täglich, etwa am Morgen oder bei der abendlichen Gewissenserforschung, vor der Beichte und besonders in Momenten, in denen man sich übergangen oder gekränkt fühlt.
Ist es nicht ungesund, sich Verachtung zu wünschen?
Die Litanei bittet nicht um Verachtung, sondern um die Freiheit vom Verlangen nach Ansehen und von der Angst vor Demütigung. Sie heilt die Eigenliebe und schenkt Frieden, weil das Herz nicht mehr vom Urteil der anderen abhängt.
Was bedeutet „vorausgesetzt, dass ich so heilig werde, wie ich soll"?
Die Demut verzichtet nicht auf das Streben nach Heiligkeit. Wir wünschen den anderen mehr Heiligkeit als uns selbst, ohne selbst hinter dem zurückzubleiben, was Gott von uns erwartet.
Was sagt die Bibel über die Demut?
Jesus sagt: „Lernet von mir; denn ich bin sanftmütig und demütigen Herzens" (Matthäus 11,29). Der Jakobusbrief und der erste Petrusbrief lehren übereinstimmend, dass Gott den Hoffärtigen widersteht, den Demütigen aber Gnade gibt.
In der App Iter Fidei finden wir die Litaneien der Kirche, das Brevier von 1962 und die Gebete der Überlieferung auf Deutsch und Latein, um die Demut Tag für Tag zu erbitten. Hier frühen Zugang sichern.
Quellen. Heilige Schrift nach der Allioli-Übersetzung (Matthäus 11,29; Lukas 14,11; Johannes 3,30; Philipper 2,7-8; Jakobus 4,6; 1 Petrus 5,5); Thomas von Aquin, Summa theologiae II-II, q. 161; Franz von Sales, Philothea, III. Teil; Regel des heiligen Benedikt, Kapitel 7; Litanei der Demut nach Kardinal Rafael Merry del Val.